Freitag, 16. Oktober 2015

Sonnenuntergang



Die Omi sieht fern. Wie jeden einzelnen Abend. Sie kennt das Fernsehprogramm der ganzen Woche auf ihren drei Standardsendern auswendig und schaut trotzdem jeden Morgen ins Programmheft. Ich habe sie unwahrscheinlich gerne, meine Omi. Seit einer Woche lebe ich nun schon bei ihr und bin an jedem Tag noch ein bisschen froher, hier zu sein. Das Projekt heißt „Wohnen für Hilfe“ und folgt dem Leitgedanken, dass ein Student bei einem Senior, einer alleinerziehenden Familie, einem behinderten Menschen, oder einer sonstwie hilfsbedürftigen Person lebt, keine oder nur sehr wenig Miete bezahlen muss und dafür eine feste Stundenanzahl Hilfeleistungen im Monat erbringt. 

Mein Job ist also immer wieder abends, der Omi beim Fernsehen Gesellschaft zu leisten, damit sie nicht so allein ist. Seit Jahren habe ich schon nicht mehr Fern gesehen und nun zum ersten Mal seit langem. Mein Blick schweift immer wieder von der Mattscheibe ab, hinaus in die Natur, wo die Sonne gerade mit einem spektakulären Farbakkord, die Lichtsinfonie des heutigen Tages vollendet. Morgen spielt sie wieder. Meine Augen wandern draußen herum und bleiben plötzlich fasziniert an einem sehr alten, sehr grauen und sehr baufälligen Haus schräg gegenüber hängen.
Die Fenster des Hauses leuchten in einem unnatürlich warmen, bronzefarbenen Licht aus dem steingrau der Hausfassade heraus. Es sieht aus, als hätte jemand im Inneren ein Licht angezündet, das durch alle Räume, zu allen Fenstern heraus strahlt.
Im ersten Moment frage ich mich, ob das Haus nur einen einzigen großen Raum hat, oder ob es sein kann, dass in allen Zimmern dieselben Lampen angezündet wurden, doch dann geht mir ein Licht auf.

Die Fenster spiegeln nur die untergehende Sonne wieder. Ihr Licht ist unverwechselbar. Es ist viel heller, als jede andere Lampe aus irgendeinem Haus leuchten könnte. Es nährt die Seele. Es ist so schön, dass man nicht anders kann, als hinzusehen und sich zu wünschen, das auch im eigenen Fenster zu haben. Und obwohl einige Fenster rechteckig sind, andere rund, wieder andere etwas schief in ihrer Grundform, so leuchtet aus ihnen allen dieses herrliche Licht. Sie haben es hereingelassen und dürfen jetzt dieses große Feuer, diesen Glanz widerspiegeln und in die Nachbarschaft hinausstrahlen. Egal, wie alt und marode sie sein mögen- die Sonne macht sie zu etwas Besonderem.

Die Übertragung ist nicht schwer, nicht wahr?
Und doch findet man es in dem Moment, in dem einem der Gedanke kommt, immer unglaublich, solche einen Einfall gehabt zu haben. Man kann gar nicht fassen, wie deutlich die Wahrheit auf der Straße liegt und wie blind man gewesen sein muss, dass einem das noch nie aufgefallen ist…
Wir sind die Fenster, Jesus unsere Sonne. Und jetzt einfach nochmal lesen und die Begriffe austauschen… ;-)

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