Samstag, 17. Oktober 2015

Leben im Licht



Meine Augen sehen hinauf, an die Kante des Waldes, an den Punkt, wo das letzte Tageslicht verlockend hinter den Baumspitzen hervorzwinkert und zum letzten Mal an diesem Tage den Rand der Bäume gegen den Abendhimmel absetzt. Zartblau ist jener kleiner Streifen Winterhimmel und darüber hängt die Nacht. Schwarz und kalt und scheinbar unendlich. Gleich wird der Mond wie eine Perle sein Angesicht Zentimeter für Zentimeter über die Wipfel der Tannen hieven und das stille Tal stumm betrachten.
Die Straßenlaterne vor meinem Fenster leuchtet tapfer ihr gelbes Licht hinaus in die Dunkelheit. Ihr Licht bescheint einladend den Baum, der sich über die Jahre um sie geschmiegt hat und dessen Blätter sie jetzt kleiden. Ganz oben, direkt unter der Leuchtfläche ist ein Spinnennetz gespannt. Es sind einige Meter von meinem Fenster bis zu jener Laterne, aber ich kann bis hier sehen, dass es zum Bersten voll ist mit Insekten. Immer wieder fliegen kleine Fliegen oder Motten oder Mücken dort hinauf zum Licht und bleiben in den Fäden der schlauen Spinne kleben. Weil sie am Licht lebt, hat sie immer genug. Egal, ob es mal einen Tag weniger, oder mehr hat, ob es regnet, oder stürmt- die Spinne kann sicher sein, dass das Licht sie mit seinem Schein versorgen wird, das Netz stabil bleibt, da der Laternenpfahl nur minimal schwankt und sie gleichzeitig noch unter dem Schirm der Lampe sitzt. Sie hat ausgesorgt und weiß es vielleicht nicht mal.
Ich will jetzt nicht die übliche Leier anstimmen: „Wie ist das mit uns …blabla“
Ich möchte einfach nur feststellen, dass wir, wenn wir ganz im Licht leben, so wie diese Spinne, und dort bleiben und nicht austesten müssen, ob nicht vielleicht das Nachbargebüsch doch attraktiver ist, als unser seltsam grauer Laternenmast, und darauf vertrauen, dass wir vom Licht mit allem Nötigen versorgt werden, dass wir dann wirklich versorgt sind. Ausgesorgt haben. Und dieses Spinne unter der Laterne würden wir als schlau bezeichnen- seien wir doch auch schlau!

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